Spielräume zur Erschließung von Wirklichkeit

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Fachpolitische Position von Caiju

Caiju versteht Soziale Arbeit als Entwicklung, Betrieb und Pflege von Spielräumen, in denen Wirklichkeit neu erschlossen und handelbar wird.

Mit Spielräumen meinen wir soziale Räume mit Grenzen, Rollen, Regeln, Schutz, Freiheit, Ernstcharakter und Möglichkeit. Spielräume eröffnen Bewegung, wo junge Menschen sonst festgelegt sind: durch Herkunft, Armut, Förderlogiken, Hilfesysteme, Erwartungen, Scham, Sprache, Status oder frühere Erfahrungen.

Mit Wirklichkeit erschließen meinen wir einen Prozess in zwei Richtungen: Junge Menschen erleben reale Aufgaben, Verantwortung, Anerkennung, Geld, Konflikt, Öffentlichkeit und Rückmeldung. Zugleich erleben Menschen außerhalb des Hilfesystems junge Menschen als handelnde Personen.

Caiju entwickelt und betreibt Formate, die solche Spielräume zur Erschließung von Wirklichkeit eröffnen.

 

Gesellschaftliche Akteure als Teil der Intervention

Geschützte Räume innerhalb des Hilfesystems sind wichtig. Caiju geht einen Schritt weiter: Junge Menschen sollen auch in realen gesellschaftlichen Zusammenhängen aktiv werden.

Das heißt:

  • bei Privatpersonen
  • bei Unternehmen
  • in Nachbarschaften
  • in Kulturorten
  • in Vereinen
  • im öffentlichen Raum
  • an alltäglichen Orten außerhalb markierter Hilfeeinrichtungen

Dort entstehen Erfahrungen, die Hilfesysteme allein kaum herstellen können.

Ein junger Mensch erlebt:
Ich werde gebraucht. Ich bekomme Geld. Jemand verlässt sich auf mich. Ich kann etwas beitragen. Was ich mache, bewegt etwas in der Welt. Ich baue einen Treffpunkt im öffentlichen Raum mit auf, und andere können ihn sehen und nutzen.

Das gesellschaftliche Gegenüber erlebt zugleich:
Dieser junge Mensch ist mehr als „schwierig“, „geflüchtet“, „arbeitsmarktfern“, „auffällig“ oder „förderbedürftig“. Er oder sie ist eine handelnde Person.

So erschließt Caiju Wirklichkeit in beide Richtungen.

 

Innovation mit methodischer und rechtlicher Konsequenz

Caijus Formate wurden in realen Konflikten, Genehmigungen, Einsätzen und öffentlichen Situationen erprobt.

Blitzjobs wurden gegenüber einer Bundesbehörde bis zur Klärung vor dem Sozialgericht Berlin verteidigt. JuPoint-Orte wurden als neue Nutzungs- und Verantwortungsformen im öffentlichen Raum möglich gemacht. BeratungsSpiele brachten benachteiligte junge Menschen bis auf eine offene Bühne wie das Amphitheater im Mauerpark. Blitzjobs mit jungen Geflüchteten, auch unbegleiteten Minderjährigen, zeigen, wie fremde gesellschaftliche Kontakte möglich werden können, wenn Rolle, Schutz, Alias, Vorbereitung und Auswertung präzise gestaltet sind.

Einsatzstellen begegnen den jungen Menschen über Aufgabe, Rolle und Vereinbarung — nicht über Fallgeschichte, Diagnose oder Problembeschreibung. Caiju mischt junge Menschen aus unterschiedlichen Hilfesektoren mit jungen Menschen ohne Fallgeschichte. So entstehen Pools und Situationen, in denen junge Menschen über Handlung sichtbar werden, nicht über Problemstatus.

Das kann Gamifizierung. Und das ist der Kern von psychosozialem Mainstreaming, ein Begriff, den Caijus Vorläuferprojekt ArtSourceLab bereits um 2004 geprägt hat.

Internationale Resonanz — etwa durch Forschungsinteresse aus Japan sowie Erfahrungen im Kontext von Flucht, Migration und Ukraine — zeigt zusätzlich: Caiju arbeitet an übertragbaren sozialen Verfahren.

Diese Meilensteine zeigen: Caiju entwickelt soziale Verfahren, die rechtlich, räumlich, gesellschaftlich und menschlich belastbar sein müssen.

 

Vom geschützten Spielraum zur gesellschaftlichen Wirkung

Blitzjobs ermöglichen jungen Menschen kurze, reale, bezahlte Tätigkeiten in sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen. Sie sind echte Aufgaben außerhalb regulärer Beschäftigung im ersten Arbeitsmarkt. Caijus besondere rechtliche Grundlage ermöglicht unbürokratische Tätigkeiten in vielen Sektoren, ohne daraus reguläre Beschäftigung zu machen.

JuPoint-Orte sind Treffpunkte, Werkstätten, Beteiligungsorte und öffentliche Handlungsräume zugleich. Sie wirken wie Orte, an denen junge Menschen, Anwohnende und andere Akteure gemeinsam etwas nutzen, gestalten, pflegen und weiterentwickeln können.

BeratungsSpiele schaffen strukturierte Situationen, in denen Rollen, Themen, Konflikte, Argumente und Positionen sichtbar werden können, ohne dass ein junger Mensch sofort direkt über sein eigenes Problem sprechen muss.

Diese Formate laufen bereits. Sie werden betrieben, gepflegt, geschützt und weiterentwickelt. Gerade deshalb kann Caiju schnell und passgenau reagieren: Oft reicht es, eine Aufgabe, eine Rolle, eine Regel, einen Schutzrahmen oder eine Auswertung anzupassen.

Caiju hält Spielräume bereit.

 

Handlung vor Beratung

Beratung hat bei Caiju ihren Platz. Aber sie muss nicht immer der erste Zugang sein.

Viele junge Menschen haben schon viele Gespräche, Diagnosen, Hilfepläne oder Maßnahmen erlebt. Manche können gut über sich sprechen, ohne dass sich etwas verändert. Andere können sich sprachlich kaum so zeigen, wie Hilfesysteme es erwarten.

Caiju setzt deshalb zuerst auf Handlung:

  • reale Aufgaben
  • Vergütung
  • Verantwortung
  • Anerkennung
  • Rolle
  • Material
  • Begegnung
  • Auswertung

Beratung wird daraus entwickelt: aus Handlung heraus, neben Handlung, nach Handlung und zur Reflexion von Handlung.

So wird der junge Mensch nicht zuerst Objekt einer Einschätzung, sondern Subjekt einer Erfahrung.

 

Fachlicher Anspruch

Zielgruppendefinitionen sind wichtig für Verwaltung, Zuständigkeit, Schutz und Förderung. Sie reichen aber allein nicht aus, um Menschen in ihrer Entwicklung zu verstehen.

Wer mit jungen Menschen arbeitet, muss präzise erkennen:

  • Welche Situation macht Handlung möglich?
  • Welche Aufgabe ist herausfordernd, aber nicht überfordernd?
  • Welche Ansprache öffnet Türen — und welche beschämt, überfordert oder triggert?
  • Welche Rolle ermöglicht Verantwortung?
  • Welche Erfahrung kann innerlich anschlussfähig werden?
  • Welche Handlungsmöglichkeit liegt außerhalb enger Förderlogiken?

Prinzipiell ist ein Mensch in sich unterschiedlicher als zwei verschiedene Menschen.

Deshalb reicht es nicht, Menschen über Zielgruppenbegriffe zu verstehen. Entscheidend ist, welche Seite eines Menschen in welcher Situation angesprochen werden kann — und welche Seite in diesem Moment besser nicht angesprochen wird.

Das verlangt von Fachkräften mehr als gutes Bauchgefühl. Es verlangt präzise Beobachtung, methodische Disziplin und die Bereitschaft, soziale Situationen aktiv zu gestalten.