Stadtteil-bewegt

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Stadtteil-bewegt

Eine Plattform für die Untersuchung von sozialräumliche Partizipation und Engagement im Bereich der Jugendhilfe

2009-2011 führte Caiju e.V. im Auftrag des Jugendamtes Marzahn-Hellersdorf in der Bezirksregion Fünf (Hellersdorf Süd, Kaulsdorf Nord) soziale Interventionen innerhalb des Förderrahmens „fallunspezifische Arbeit“ (FuA) durch. In Phasen mit einer Dauer von 6 bis 12 Monaten wurden Lösungsansätze zu den allgegenwärtigen Problemen der Partizipation und dem Engagement entwickelt und erprobt.

Caiju nutzte die kurzen FuA-Laufzeiten als eine Chance, einzelne Handlungsfelder in sehr komplex gewordenen Problematiken praxisorientiert zu entwickeln ohne die Abhängigkeiten zwischen den Sektoren Arbeit, Bildung, Soziales und Gesundheit zu übersehen. Das FuA-Format lädt zum einen dazu ein, konkrete Detaillösungen mit allen relevanten Akteuren (Institutionen und Zielgruppen) exemplarisch auszuarbeiten, und zum anderen die Lösungen als Grundlage der nachfolgenden Projektphase zu nutzen.

Stadtteil-bewegt ermöglichte zusammen mit dem 2010 durchgeführten Projekt Roter Faden Experimente und führte zu Erkenntnissen, die die Basis bildeten für die Weiterentwicklung von TeenKom, die Entwicklung vom Fortbildungsformat  ⇨ LösungsSpiele sowie die Entwicklung ab 2014 vom Interventionskonzept Jugendprojektentwicklungsfonds.

Das Konzept wurde im Auftrag des Bezirks Marzahn-Hellersdorf unter Mitwirkung von Student*innen der Humboldt Universität zu Berlin sowie The Institute for Cultural Diplomacy umgesetzt.

        http://www.culturaldiplomacy.org/index.php?event-review-scandinavia-meets-germany
 

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Kernproblem: Unausgehandelte Freiwilligkeit

Warum Freiwilligkeit unzumutbar ist, solange sie nicht gegenseitig ausgehandelt ist

Der Sozialstaat versucht, Bürger*innen mit Angeboten zu aktivieren und gesellschaftlich zu integrieren. Um die angestrebten Standards für Gesundheit, Bildung und Berufsfähigkeit zu erreichen, sind diese Angebote meist kostengünstig oder gratis. Dennoch nehmen eher die ohnehin motivierten Menschen teil, während diejenigen, die solche Angebote am meisten brauchen könnten, nicht teilnehmen und für die Träger des Sozialstaates unerreichbar scheinen. Das Prinzip der Freiwilligkeit führt hier zur Ausgrenzung vieler Menschen:

Bist Du nicht motiviert, bekommst Du keine Teilhabe!

Natürlich ist die Antwort darauf nicht, die Freiwilligkeit aufzuheben und die Teilnahme per Gesetz zu verordnen – wobei die Motivation noch mehr leiden würde – sondern: Gesellschaftliche Teilnahme muss auf Gegenseitigkeit bauen, Kommunikation auf Augenhöhe, Geben und Nehmen!

 

Die 4 Phasen von Stadtteil-bewegt

Auftakt 15.4.2009: 
Weshalb Menschen Angebote nicht in Anspruch nehmen? ⇩ Mehr über die Hintergründe von Stadtteil bewegt

1. Phase 8.5.-8.7.2009: 
Intervention im Sozialraum, Gründung der Deal-Agentur
Leitgedanke: "Wir bringen zusammen, was zusammen gehört: Die Menschen in ihrem Stadtteil".
Fazit: Die herkömmlichen Formen des Engagements, Nachbarschaftshilfe (Tauschbörse, freiwilliges Engagement) und Selbsthilfegruppen fordern ein hohes Maß an Sympathie. Tendenziell werden hier Deals von Menschen ausgehandelt, die ohnehin kulturelle Gemeinsamkeiten haben. Als Instrument der Integration von benachteiligten jungen Menschen in nicht benachteiligten Milieus sind diese zwei Formen des Engagements deshalb nicht nachhaltig bzw. erfordern sie einen langen Vorlauf (sich kennen- und sich gegenseitig vertrauen lernen) und viel Betreuung (um die Sympathie-Entwicklung sicher zu stellen).
⇩ 1. Phase Bericht & Fotos

2. Phase 1.9.-15.12.2009: 
Strukturelle Voraussetzungen im Bezirk, Blitzjob-Verfahren
Leitgedanke: "Kannst Du Menschen bewegen?"
Fazit: Das bereits erreichte positive Ergebnis durch den Einsatz des Instruments „Blitzjob“ im Bezirk Treptow-Köpenick hat sich bestätigt. Die Blitzjobs fördern Zweckbeziehungen, die jungen Menschen einen sehr niedrigschwelligen und sofortigen Übergang zu selbstwirksamen Handlungsabläufen ermöglichen. Dabei sind die eigentlichen Ziele die „Nebeneffekte“ des Jobbens. ⇩ 2. Phase Bericht & Fotos

3. Phase 2010:
Stadtteil-Banner – Der künstlerische Prozess als Arbeitsstruktur
Leitgedanke: "Kultur als Arbeitswelt – Wertschätzung und Vermarktung der schöpferischen Arbeit junger Menschen als Produkt im lokalen Wertschöpfungskreislauf"
Fazit: In der Zusammenarbeit und der Nutzung des lokalen institutionellen Netzwerks entstand eine Zuspiel-Kultur, die den Jugendlichen innerhalb ihres Sozialraumes neue Ressourcen eröffnet hat. Für die teilnehmenden jungen Menschen war „Kunst“ bzw. kreative Aktivität nicht länger nur ein Hobby oder diskreditierende Nutzung des Sozialraums (Graffiti, „Zweckentfremdung“ öffentlicher Plätze und sozialer Räume wie Shopping-Center), sondern die Frage von Leistung und Lernen hinsichtlich der Co-Produktion sozialer Gemeinschaftsgüter (Stadtteilbanner, Stadtteilfest). ⇩ 3. Phase Bericht & Fotos

4. Phase 2011:
Filmstafette - Portrait Mensch, Leute machen Stadtteil
Leitgedanke: „Wie ist Leben und Arbeiten in Deinem Stadtteil vernetzt?“
Fazit: Durch das Zuspiel von Privatpersonen an Unternehmer/innen, Gründern/innen, Selbständige und vice versa haben die Jugendlichen in Projektphase vier die Netzwerke zwischen Gewerbetreibenden und Privatpersonen in der Bezirksregion fünf aufgedeckt. Das als Dokumentationsmedium gewählte „Video-Interview“ ermöglichte den Jugendlichen nicht nur eine Erfahrung, sondern auch eine Verbildlichung dieser Netzwerke. Durch die Möglichkeit in den Interviews detaillierte Fragen zum Leben und Arbeiten im Stadtbezirk sowie zum Zusammenspiel beider Bereiche zu stellen, konnten die Jugendlichen das Bild der Vernetzung bis zu einem gewissen Grade feinzeichnen. ⇩ 4. Phase Bericht & Film


 

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Weshalb Menschen Angebote nicht in Anspruch nehmen?

Stadtteil-bewegt Auftakt 15. April 2009

Ob es an den Menschen selbst oder an den Angeboten liegt; oder der Art wie die Angebote konstruiert und vermittelt werden... - das sind Fragen, die sich die Planer*innen des Sozialstaats schon seit Jahren stellen. Mit Stadtteil bewegt wollte ArtSourceLab (ab 2010 Caiju e.V.) in Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Institute for Cultural Diplomacy, (ICD) konkrete Lösungsansätze suchen.

Berlin-Karte mit dem Stadtteil bewegt Interventionsgebiet grün markiert.


Das Jugendamt, Region 5 in Berlin Hellersdorf hatte ArtSourceLab (Vorläufer von Caiju e.V., dass im Herbst 2009 gegründet wurde) beauftragt, Stadtteil bewegt während sechs Monaten, ab den 15. April 2009, als sogenantes "fall-unspezifisches" Pilotprojekt durchzuführen. Mit im Projekt, in der Rolle als Stadtteil-Katalysatoren, waren 5 Student*innen des Instituts für Sportwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Für eine reichhaltige Diskussion während und nach dem Projekt sorgte auch die Zusammenarbeit mit dem Institut für kulturelle Diplomatie (ICD), einer Non-Profit Organisation, 1999 gegründet und mit Sitz in New York und Berlin. Während des Forums Scandinavia Meets Germany: A Forum for Young Leaders vom 31.Mai - 5.Juni 2009 wirkten 20 internationale Student*innen direkt im Praxis-Projekt in Hellersdorf mit.

Die Stadtteil-Katalysatoren von Stadtteil bewegt sollten nach neuen Wegen suchen, wie Menschen die Teilnahme bekommen können, die sie brauchen. Wie das Wort "Katalysator" sagt, sind es im Endeffekt die Menschen und Organisationen im Stadtteil selber und nicht die von außen kommenden Katalysatoren, die die Lösungen, kleinere oder größere Abkommen sowie Verbindlichkeiten, finden werden – miteinander und füreinander.

Sozialraumorientierung, Nachhaltigkeit und Software für instabile Szenarien

Voraussetzung für Nachhaltigkeit: Sozialraumorientierung und LOR Planungszonen

Es geht um den Aufbau, die Unterstützung sowie das Aufspüren von lebensweltlichen Kapazitäten - vom Sportverein über den lokalen Schrotthandel bis hin zu informellen Netzwerken sowie zum Kleinhandel und großen Unternehmen-, die einen wesentlichen – durchaus funktionierenden – Teil eines sozialräumlichen Milieus repräsentieren und die eine Vielzahl von Gestaltungsleistungen erbringen… (Wolfgang Hinte¹)

Projektkarte der Planungsräume Kaulsdorf Nord(20) und Gelbes Viertel (21), zur Verfügung gestellt durch das Stadtentwicklungsamt Marzahn Hellersdorf.


Mit der Etablierung der Ansätze der Sozialraumorientierung sind die Kommunen und freien Träger heute aufgestellt, um gemeinsam durch eine Vernetzung der Sektoren Bildung, Kultur, Soziales, Gesundheit und Arbeitsmarkt integrierte Lösungen zu finden. Programme sind nicht länger aufgrund ideologischer Belange konzipiert, sondern, aufgrund von indikatorengestützten Statistiken, aus der (in Berlin seit 2006) festgelegten Stadtraumgliederung LOR (Lebenswelt-orientierte Räume): Bezirk, Prognoseräume, Bezirksregionen und Planungsräume.

Mit der LOR-basierten strategischen Planung können Ursachen und Wirkungen zunehmend realistisch als Folge von komplexen Entwicklungen erkannt werden.

Die Herausforderung der Intervention durch die Politik und durch kommunale und freie Träger besteht jetzt darin, nachhaltige fruchtbare Entwicklungen zu bewirken. Und das sind vor allem solche, die nicht kurzfristig subventioniert werden, sondern solche, die Ressourcen in der Bevölkerung aufdecken, multiplizieren und zu möglichst viel Selbstorganisation führen.

Katalyse und Nachhaltigkeit bei Stadtteil bewegt

Stadtteil bewegt ist ein Pilotprojekt für eine Vertiefung der systematischen Mobilisierung gesellschaftlichen Potenzials in den Schnittstellen zu öffentlichen und freien Trägern. Das sechsmonatige Projekt in den Planungsräumen 20 (Kaulsdorf-Nord II) und 21 (Gelbes Viertel) im Bezirk Marzahn-Hellersdorf Berlin, versteht seine Rolle als Katalysator in der bestehenden lokalen Entwicklung.

Alle kommunalen und freien Träger, die mit den Zielgruppen, Jugendliche und deren Familien, in den Sozialräumen 20 und 21 arbeiten, wurden im Vorfeld aufgefordert, sich nach Möglichkeit in der Vernetzung, Konzeption und Ausführung zu beteiligen.

Aktivitäten von Stadtteil bewegt sollten neue Synergien unter den bestehenden Trägern, deren Zielgruppen, bisher noch nicht erreichten Zielgruppen und weiteren wirtschaftlichen und informellen Organisationen im konkreten und umliegenden Sozialraum hervorbringen.

Die Nachhaltigkeit wird auf drei Ebenen gesichert:

  • erstens lokal, indem Aktivitäten von Stadtteil bewegt ausschließlich direkt in den Einrichtungen oder in den Handlungsfeldern der lokalen Träger angedockt werden;
  • zweitens werden die Ansätze von Stadtteil bewegt durch Kooperation mit dem Institut für Sportwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin wissenschaftlich verankert. Stadtteil bewegt wird als Fachseminar im Sommersemester 2009 durchgeführt: Ein wissenschaftlicher Beirat und eine Gruppe von zehn Student*innen werden dabei in der Planung, Durchführung und Auswertung des Projekts mitwirken;
  • drittens werden entstehende Vernetzungen, deren Ressourcen, entstehende Vereinbarungen und Aktivitäten durch eine Software festgehalten. Die eigens für das Projekt konfigurierte webbasierte CAM-Software (Community Administration Monitoring) steht für die Dauer des Projektes und als „Freie Software“-basiertes Angebot den lokalen Trägern in der Zukunft zur Verfügung.

CAM: Eigens für Stadtteil bewegt konfigurierte Software

Die Zielszenarien für die CAM-Software (Community Administration Monitoring) sind solche, die durch ein hohes Maß an wechselnden Bedingungen gekennzeichnet sind. Die webbasierte Software soll Prozesse unterstützen, die bürgerschaftliches Engagement besonders unter nicht schon erreichten Zielgruppen eruiert und organisiert. Dabei ist mit einer Online-Teilnahme der gesuchten BürgerInnen nur sehr bedingt zu rechnen.

Bisherige Erfahrungen in ähnlichen Szenarien zeigen, dass nur ein Drittel der Zielpersonen einen Zugang zum Internet hat oder sich in neuen Internetaktivitäten engagieren würde.

Deshalb muss hier anders, als mit der als "Web 2.0" bezeichneten interaktiven Selbstorganisation umgegangen werden.

Bürger*innen, die ein Potenzial für Engagement haben, dieses aber nicht in eigener Regie verfolgen, brauchen „Paten“, „Multiplikatoren“ und feste Ansprechstationen mit festen Verbindlichkeiten. In der Software-Szene gibt es bislang keine Software-Lösungen, die explizit für solche Zielszenarien entwickelt wurden. Die CAM-Software wird in enger Partnerschaft zwischen ArtSourceLab und Stadtmonster Medien, aufgrund der schon bestehenden Zusammenarbeit im Rahmen des TeenKom-Systems mit dem Ziel entwickelt, von den beteiligten Stadtteilen langfristig genutzt werden zu können.

⇨ Mehr unter Software für soziale Prozesse

¹Hinte, Wolfgang (1999): Fallarbeit und Lebensweltgestaltung – Sozialraumbudget statt Fallfinanzierung, in: Institut für soziale Arbeit (ISA)(Hrsg.)(1999): Soziale Indikatoren und Sozialraumbudget in der Kinder- und Jugendhilfe. Soziale Praxis, Heft 20. Münster, S. 82-94.

 

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Intervention im Sozialraum, Gründung der Deal-Agentur

Stadtteil-bewegt 1. Phase, 8. Mai bis zum 8. Juli 2009

Leitgedanke: "Wir bringen zusammen, was zusammen gehört: Die Menschen in ihrem Stadtteil"

Handlungsfeld: Coaches und Multiplikatoren sprechen Menschen an (face to face) hinsichtlich ihrer Ressourcen („ich biete““) und Bedarfe („ich suche“) mit dem Ziel, Vereinbarungen zu ermöglichen bzw. beschleunigen.

Fazit: Die herkömmlichen Formen des Engagements, Nachbarschaftshilfe (Tauschbörse, freiwilliges Engagement) und Selbsthilfegruppen fordern ein hohes Maß an Sympathie. Tendenziell werden hier Deals von Menschen ausgehandelt, die ohnehin kulturelle Gemeinsamkeiten haben. Als Instrument der Integration von benachteiligten jungen Menschen in nicht benachteiligten Milieus sind diese zwei Formen des Engagements deshalb nicht nachhaltig bzw. erfordern sie einen langen Vorlauf (sich kennen- und sich gegenseitig vertrauen lernen) und viel Betreuung (um die Sympathie-Entwicklung sicher zu stellen).

Partner:Institute for Cultural Diplomacy, die ⇨ Humboldt-Universität (Seminar zur sozialräumlichen Arbeit) und das Netzwerk „Social Excellence“ (Workshop mit lokalen Fachleuten und überregionale Experten).

Deal-Agentur

Während zwei Monaten unterstützten fünf Studierende vom Institut für Sportwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) das Projekt mit je 22 Stunden Praxisarbeit. In den ersten drei Wochen deckten sie bei Stadtteilbegehungen die generellen Stimmungen in den unterschiedlichen Zielgruppen auf:

Bereitschaft: Unter den jungen Menschen wurde eine große Bereitschaft zur Teilnahme an „Geben und Nehmen“-Ansätzen festgestellt. Angefragte junge Menschen – z.B. Arbeitslose oder Lehrstellensuchende – waren bereit etwas zu leisten, wenn sie dadurch selber profitieren würden, z.B. indem sie Berufsberatung, Rechtshilfe, Babysitting etc. erhalten.

Kontaktdatenaustausch: Unter allen Bewohnern im Stadtteil besteht durchaus Interesse an „Geben und Nehmen“-Abkommen. Allerdings zögern vor allem ältere Menschen damit, ihre Kontaktdaten anzugeben, um so einen verbindlichen Austausch zu ermöglichen. Im Vergleich mit West-Bezirken und auch mit Treptow-Köpenick, wo ähnliche Verfahren von Caiju erprobt worden sind, müsste im aktuellen Sozialraum Vertrauen in neue Initiativen bzw. in den Austausch von Kontakten noch verstärkt aufgebaut werden.

Gründung der Deal-Agentur

Nach gut zwei Wochen mit vielen reichhaltigen Gesprächen, entschied das Projekt, die Deal-Agentur zu gründen, um den angesprochenen Menschen so konkret wie möglich eine Partizipation zu ermöglichen. Mit der Deal-Agentur werden mögliche Ideen zu „Geben und Nehmen“-Abkommen greifbar gemacht. Die Deal-Agentur führt Nachbarschaftshilfe, Mach’s selber-Gruppen und Blitzjobs zusammen und vernetzt so die Bewohner im Stadtteil.

Unter dem Motto "wir bringen zusammen, was zusammen gehört: Die Menschen in Ihrem Stadtteil" führte Stadtteil bewegt von Juni bis September eine neue Kampagne im Projektgebiet Hellersdorf Süd und Kaulsdorf Nord, Berlin, durch. Ziel war es, so direkt, vertraulich, transparent und fair wie möglich die vielen Ressourcen unter den Bürgern aufzudecken und die Verknüpfung von Angebot und Nachfrage administrativ und mit Coaching zu unterstützen. 

Instrumente: Als erster Schritt wurde eine Webseite erstellt, Postkarten gedruckt und die Deal-Agenten mit internetfähigen Handys ausgestattet.

Start: Am 2. Juni erfolgte eine Auftaktaktion mit 22 internationalen Studierenden in Zusammenarbeit mit dem Institute for Cultural Diplomacy. Drei Stunden lang besuchten die Studierenden Gewerbetreibende in Hellersdorf Süd.

Vertiefung: Danach intensivierten die HU-Studierenden und ein Projektmitarbeiter die angefangenen Kontakte vom 2. Juni und nahmen weitere Kontakte auf. Bis zum 8. Juli wurden 104 Gewerbetreibende in Hellersdorf Süd hinsichtlich möglicher Blitzjob-Vergaben erfolgreich kontaktiert.

Vernetzung: Am Rande einer Arbeitstagung des Netzwerks „Social Excellence“ wurde ein Workshop zum Thema „Transfer von Projekten“ mit eingeladenen Trägern aus dem Bezirk durchgeführt. Die Veranstaltung diente dazu, gegenseitige Vernetzung und Qualitätsentwicklung praxisorientiert zu üben.

Ergebnisse: Es entstanden viele Kontakte mit den Bewohnern im Stadtteil. In der Zielgruppe junge Familien und generell bei Jugendlichen konnte ein großes Interesse, sich zu „Geben und Nehmen“-Abmachungen zu verpflichten, festgestellt werden.

104 von 433 Gewerbetreibenden und Selbstständigen im SR 20+21 (Hellesdorf Süd / Kaulsdorf Nord) wurden direkt angesprochen. Gut die Hälfte von ihnen reagierte positiv. 13 % der Angesprochenen sagten zu, bei Gelegenheit kleine Blitzjobs zu vergeben.

Die konfigurierte Basisversion der CAM-Software war sehr nützlich. Fünf Studierende, die HU-Seminarleiterin, Projekt-Mitarbeite*innen und der Projektkoordinator konnten sich durch die Software als Team mit einem geringen Zeitaufwand austauschen sowie die Daten pflegen und verknüpfen.

Das Vertrauen in der Bevölkerung, Kontaktdaten auszutauschen und sich zu engagieren, musste noch gefördert werden. Durch diese Zurückhaltung unter ressourcenstarken Privatpersonen erschien es sinnvoll, sich vorerst auf das Angebot der Blitzjobs zu konzentrieren. Dafür sollten auch Gewerbetreibende außerhalb des SR 20 und 21 aufgesucht werden, da das Gewerbe in den untersuchten Sozialräumen nicht ausreichend war.

Statistik nach der 1. Projektphase

Planung der zweiten Phase (1.9 – 15.12 2009)

In der zweiten Phase sollte sich das Projekt auf das bewährte Blitzjob-Verfahren konzentrieren. Dort sind die Verpflichtungen für die Zielgruppe überschaubar und die Vorteile einer Teilnahme transparent. Eine nachhaltige Wirkung wird bei den Teilnehmern durch wiederholte kleinteilige Verpflichtungen erreicht.

Das Verfahren stellt sicher, dass unmotivierten Zielgruppen nicht sofort ein unrealistisches arbeitsmarkttaugliches Durchhaltevermögen abverlangt wird. Durch vielfältige Arbeitserfahrungen und Verbindlichkeiten wird das Selbstvertrauen und die Einsatzbereitschaft gestärkt. Die Teilnehmer*innen erwerben in kleinen Schritten berufliche und soziale Kompetenzen und können private familiäre Umstände verbessern. Sowohl Gebende als auch Nehmende werden in diesen Bereichen von den Projektmitarbeitern gecoacht.

Eine Reihe von Spielregeln stellen sicher, dass es hier nicht bloß um „billige Arbeitskräfte“ geht, sondern dass das bürgerschaftliche Engagement aller Beteiligten erwartet, von den Deal-Agenten unterstützt und dokumentiert zu werden.

Für die Laufzeit des Pilotprojekts sollte die Vernetzungszone auf eine realistische kraftvolle Größe erweitert werden. Gewerbetreibende und Akteure des Sozial- und Gesundheitssektors in ganz Marzahn-Hellersdorf sollten potenziell mitwirken können.

Anliegen: Das Ziel war es, die strategische Vernetzung mit wirtschaftlichen, gemeinnützigen und behördlichen Akteuren voranzutreiben, um eine Grundlage für eine längerfristige Blitzjob-Vermittlungsstruktur und die dazugehörenden Schnittstellen zum Gesundheits- und Bildungssektor sowie zum Arbeitsmarkt zu schaffen.

Zielgruppe: Die Vernetzung und Integration junger Menschen und junger Familien in kompetenz- und gesundheitsfördernde Angebote sollte aktiv unterstützt werden.

Instrumente: Die CAM-Software sollte entsprechend dem größeren Datenbestand optimiert werden.

Vernetzung: Lokale Träger sollten inspiriert werden, die ressourcenorientierte, aufsuchende Arbeit von Stadtteil bewegt zu nutzen und darüber hinaus in einen fruchtbaren Austausch untereinander zu treten.

Weitere positive Effekte des Projekts für die Bewohner:

  • Erlernen und verbindlicher Absprachen
  • Stärkere Einbindung in das berufliche und soziale Leben
  • Mehr Struktur im Alltag
  • Neue Erfahrungen und Kenntnisse, die in der Arbeitswelt von Vorteil sind
  • Verbesserung der Kritikfähigkeit
  • Lernen, sich selbst und andere besser einzuschätzen
  • Größeres Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein
  • Neue Kommunikationsstrategien
  • Kontakt zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten und Generationen Gegenseitiger Respekt und Achtung
  • Mehr Eigeninitiative, Motivation, Anerkennung, Spaß, Freude
  • Vernetzung der Menschen und der Institutionen
  • Bessere Wahrnehmung und Nutzung bereits bestehender Angebote

Ressourcen:

Eigene Mittel: Das Caiju-Team hatte mit TeenKom in Schöneberg Nord (Pilotprojekt 2005) und Treptow-Köpenick (seit September 2008 – www.teenkom.de ) ein ähnliches Projekt bereits erfolgreich durchgeführt.

Das Projekt verfügte über professionelle Mitarbeiter, die viel Erfahrung in der aufsuchenden Sozialarbeit und der Kommunikation mit unterschiedlichen Menschen und Institutionen hatten. Die Anforderungen für kleine Jobs in verschiedenen beruflichen Bereichen waren ihnen bestens vertraut.

Hilfsmittel wie die CAM-Software, Homepages, Handys, Laptops und Taschen waren bereits vorhanden.

Durch die Einbindung in gut aufgestellte Netzwerke, bestand die Möglichkeit, ein Modell für die langfristige Etablierung von Stadtteil Bewegt erfolgreich zu entwickeln.

 

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Strukturelle Voraussetzungen im Bezirk, Blitzjob-Verfahren

Stadtteil-bewegt 2. Phase, 1. September bis 15. Dezember 2009, TeenKom - Blitzjobs für Jugendliche

Leitgedanke: "Kannst Du Menschen bewegen?"

Handlungsfeld: Blitzjob Coaches finden Unternehmen, die bereit sind, kleine "Jobs" für Jugendliche/junge Menschen zur Verfügung zu stellen („Klinken putzen“, Unternehmernetzwerke). Sobald erste Blitzjobs akquiriert sind, werden Jugendliche durch aufsuchende Akquise gefunden, die mit den Spielregeln des Blitzjob-Verfahrens einverstanden sind.

Fazit: Das bereits erreichte positive Ergebnis durch den Einsatz des Instruments „Blitzjob“ im Bezirk Treptow-Köpenick hat sich bestätigt. Die Blitzjobs fördern Zweckbeziehungen, die jungen Menschen einen sehr niedrigschwelligen und sofortigen Übergang zu selbstwirksamen Handlungsabläufen ermöglichen. Dabei sind die eigentlichen Ziele die „Nebeneffekte“ des Jobbens.

Partner: Sport Factory und Visucom Werbeagentur (als lokale Auftrageber von Blitzjobs für Jugendliche), junge Menschen aus Region 5 und umliegende Stadtteile.


TeenKom

Anhand der Ergebnisse aus der ersten Projektphase wurde für die zweite Phase entschieden, die Methodenbereiche „Nachbarschaftshilfe“ und „Mach's selbst“ vorerst ruhen zu lassen. Beide erfordern eine höhere Schwelle der Sympathie bei den Teilnehmenden und somit einen längeren Vertrauensaufbau. Stattdessen fokussierte Stadtteil bewegt explizit auf die Methode des Blitzjob-Verfahrens im gesamten Bezirk Marzahn-Hellersdorf.

Dieses Verfahren war aus dem Projekt TeenKom in Treptow-Köpenick seit 2008 bestens bekannt und bewährt mit über 60 teilnehmenden jugendlichen „Blitzjobbern“, über 50 „Kunden“ sowie insgesamt über 420 Blitzjobs im ersten Projektjahr.

Stadtteil bewegt sollte das Potenzial im Bezirk für tragfähige Rahmenbedingungen hinsichtlich Blitzjobaktivitäten prüfen. Dabei konnte und durfte es höchstens um exemplarische Modell-Szenarien gehen, da der aktuelle Förderrahmen keinen nachhaltigen Blitzjobbetrieb gewährleisten konnte.

Strukturelle Voraussetzungen im Bezirk

Marzahn-Hellersdorf hat in weiten Teilen eine stark gegliederte Struktur. Der Bezirk trennt sich vor allem in reine Wohnquartiere (Neubaugebiete und Einzelhaussiedlungen), Gewerbegebiete mit Gewerbe-zu-Gewerbe-Vernetzungen (B2B) und Einkaufszentren mit konsumentennahem Gewerbe (B2C). Eine gewachsene, natürliche Mischung zwischen Wohnungen, Einzelhandelsgeschäften und Gewerbe wie zum Beispiel in Alt-Kaulsdorf findet sich nur selten.

  • Ambivalente lokale Identität: Vielen Gewerbetreibenden ist es wichtig, dass die Jugendlichen für dieses Projekt aus dem Stadtbezirk Marzahn-Hellersdorf kommen. Somit wird ein Bewusstsein für die Verantwortung gegenüber der jungen Generation und dem Stadtteil explizit zum Ausdruck gebracht. Bei vielen Gewerbetreibenden ist jedoch keine starke lokale Verankerung zu beobachten. Das festgestellte Desinteresse, sich mit der Jugend vor Ort zu beschäftigen, kann mit den räumlich stark getrennten Lebenswelten im Bezirk zusammenhängen.
  • Blitzjob-Potenzial bei B2B vs. B2C: Der Einzelhandel im Bezirk besteht in hohem Maß aus Geschäftsketten, die zentral gesteuert werden, nur langfristig nach Einarbeitung beschäftigen oder unentgeltliche Praktika anbieten. Dabei haben Filialleiter/-innen kaum Entscheidungsbefugnis, sich auf alternative Aushilfsangebote einzulassen. Der lokal geführte Einzelhandel hat oft genügend personelle Kapazitäten. Bei dem mittelständischen Gewerbe in den Gewerbegebieten und bei Dientsleistungsunternehmen wurde hingegen ein repräsentatives Interesse an Blitzjobs festgestellt, was als Basis für ein längerfristiges Blitzjob-Verfahren ausreicht.

"Jobben ist in" - wissenschaftliche Befragung Jugendlicher

Bei einer Befragung Jugendlicher zu ihrem Freizeitverhalten hat sich herausgestellt, dass Engagement in der Arbeitswelt eine hohe Priorität unter Jugendlichen einnimmt. Zum einen wird darin eine Möglichkeit gesehen, Freizeitaktivitäten selbst finanzieren zu können. Zum anderen zeigte die Befragung, dass berufliche Ängste und die Unsicherheit der eigenen Zukunft belastende Faktoren sind.

Die Befragung wurde vom Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum Berlin-Brandenburg e.V. (SFZ) im November 2009 bis Februar 2010 an 18 Schulen und 2 berufsorientierenden Einrichtungen in Marzahn-Hellersdorf mit Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 13 bzw. 14 und 26 Jahren durchgeführt. Neben Freizeitverhalten und Lebenswelt wurde nach Gesellschaftsbildern und der persönlichen Entwicklung und Sorgen bei 806 Jugendlichen zwischen 14 und 26 Jahren gefragt. Dabei wurden die berufliche Zukunft und die Unsicherheit der eigenen Zukunft als häufigste Sorgen genannt, gefolgt von der Besorgnis hinsichtlich der finanziellen Lage.

Blitzjob-Verfahren als Pilotprojekt

Ein Blitzjob-Verfahren ins Rollen zu bringen ist eine paradoxe Herausforderung:

  • Blitzjob-Aufträge zu finden, obwohl kein „Kunde“ sich auf ein Arbeitsleistungs-Projekt einlassen würde, das noch keine Arbeiter hat.
  • Jugendliche zu finden, obwohl kein Jugendlicher sich als Blitzjobber versprechen würde, solange keine Jobs vorhanden sind.

Der Schlüssel, um die voraussehbare Skepsis und das Misstrauen von allen Seiten abzubauen bzw. zu umgehen, ist das Rollenspiel. Die Coaches treten professionell auf, mit Projekt-Tasche, Visitenkarten, Webseite, kostenloser 0800-Nummer, Anmeldeformularen und AGBs. Das gemeinnützige Projekt, rechtlich in Normierungen bürgerschaftlichen Engagements gestützt, gibt sich als Wirtschaftsunternehmen. Damit betritt es ein Parkett, auf dem die unmittelbare Transparenz und Nützlichkeit sowohl bei dem „Kunden“ als auch bei dem jugendlichen „Blitzjobber“ in Form von Deals einen handfesten Rahmen bekommt.

Blitzjob-Akquise

Der Blitzjob-Ansatz will nicht die Berufswegplanung für den teilnehmende Jugendlichen zuspitzen, sondern die Orientierungspunkte in ganz verschiedenen Sektoren vervielfältigen, um die persönliche Integrität und Vernetzung zu stärken. Dementsprechend verläuft eine Blitzjob-Akquise nicht nach vorgeschriebenem Plan, sondern taucht in vorhandene Netzwerke ein, folgt den positiven Signalen von Multiplikatoren, die wiederum weitere Netzwerke öffnen. In diesem Prozess erweitert sich automatisch der Aktionsradius bis zur Grenze des Machbaren.

Kontakt zu den Gewerbetreibenden

Der Erstkontakt zu den Gewerbetreibenden erfolgte meist persönlich und spontan vor Ort durch das sogenannte „Klinken putzen“. Ein weiterer Kontakt erfolgte in der Regel per E-Mail oder telefonisch, vereinzelt auch durch wiederholtes Vorsprechen oder eine Terminabsprache. Angesichts der begrenzten Laufzeit des Projekts wurde darauf verzichtet, immer wieder neue Unternehmen anzusprechen. Stattdessen wurden interessierte Gewerbetreibende mehrfach kontaktiert, um Stück für Stück eine Vertrautheit aufzubauen, die zu konkreten Blitzjobs führen könnte.

  • Reaktionen der Gewerbetreibenden: Wenige reagierten offen ablehnend und desinteressiert. Diese Gruppe war häufig durch schlechte Erfahrungen mit Praktikanten und Auszubildenden geprägt. Einige reagierten freundlich, aber dennoch desinteressiert, vor allem, wenn sie nicht entscheidungsbefugt waren. Einige reagierten skeptisch, aber durchaus interessiert. Viele reagierten aufgeschlossen und interessiert, da sie in den Blitzjobs einen Nutzen für sich erkennen können und mit der Teilnahme im Projekt sozialen Verantwortung übernehmen wollen.

Blitzjob-Betrieb

Nach sieben Wochen Vernetzung und Kontakt-Entwicklung mit über 50 interessierten Firmen kam Ende Oktober der Durchbruch. Die Sport Factory, ein größeres Fitness-Studio mit zwei Niederlassungen in Marzahn und über 3.000 Mitgliedern, brauchte Unterstützung im Promotion-Bereich und war mit den Spielregeln des Projekts einverstanden. Zwei Wochen lang sollten jeweils drei Stunden vormittags und nachmittags Flyer an verschiedenen Kreuzungen an Autofahrer verteilt werden. Eine Woche später meldete sich eine zweiter Kunde, die Werbeagentur Visucom mit drei Aktionen von je zwei Blitzjobs innerhalb von zwei Tagen. Angesichts der freien Kapazitäten entschied das Projektteam, keine weiteren Kunden zu suchen und dafür die Prozesse detailliert und methodisch innovativ anzugehen.

  • Partizipation Jugendlicher: Von der Auftragsannahme bis zum Blitzjobbeginn blieben nur drei Tage, um alles zu organisieren. Diese intensiven Tage zeigten, welche Bereitschaft unter Jugendlichen und in den Netzwerken von Trägern steckt. Die Hälfte der insgesamt 17 beteiligten Jugendlichen meldeten sich nach einem Aufruf per E-Mail an vernetzte Träger in der Straßensozialarbeit, Jugendklubs und Einzelfallhilfe zur Erziehung. Die andere Hälfte der teilnehmenden Jugendlichen wurde auf der Straße bzw. in Einkaufszentren angesprochen. Die Jugendlichen im Alter von 15 bis 21 Jahren kommen aus verschiedenen Bildungs- und sozialen Schichten: arbeitslose Jugendliche, Jugendliche in Ausbildung, Schüler. Die für das Projekt förderliche asymetrische Zusammensetzung von zwei Dritteln aus der Kernzielgruppe der Berufssuchenden und einem Drittel anderer Jugendlicher wurde durch die Zufallsmechanismen der Akquise von selbst erreicht. Aus der erhofften Zielgruppe der jungen Mütter wurden ca. 10 Kandidatinnen angesprochen, die aber alle keine Zeit oder keinen Bedarf hatten.

Vielfältige Reaktionen unter Jugendlichen bei der Akquise

Wenn sie ablehnend reagierten, begründeten die jungen Menschen das mit zu wenig Zeit durch Ausbildung oder Schule, dass sie keine Lust darauf haben oder Ärger mit dem Jobcenter befürchten. Vor allem im Zusammenhang mit anderen Jugendlichen wird ein cooles Verhalten bevorzugt. Andere zeigten vorsichtiges, unverbindliches Interesse bis hin zu Begeisterung und Eigeninitiative.

Klassischer Blitzjob und Blitzjobserie

Der klassische Blitzjob ist in sich abgeschlossen und dauert bis zu vier Stunden. Er kann sich durchaus jeden Monat oder jede Woche mit verschiedenen Jugendlichen wiederholen.

Bei einer Blitzjob-Serie zieht sich das Projekt an mehreren Tagen über einen längeren Zeitraum hin. Das gibt die Möglichkeit, ein größere Anzahl von Jugendlichen in unterschiedlichen Konstellationen zusammenzusetzen und schrittweise mit wechselnden und steigenden Herausforderungen passgenau zu beauftragen.

Blitzjob-Serie: Promotion für Sportfactory

Das Projekt wurde durch das Engagement seitens des Kunden Sport Factory mit viel Spielraum begünstigt. Gelegentliche Misserfolge und modifizierte Spielregeln während des Verlaufs wurden zugelassen. Sicherlich auch, weil der Kunde nach einer Woche begeistert meldete, dass die Aktion insgesamt spürbar erfolgreich war.

  • Zweimal zwei Wochen lang wurden vormittags und nachmittags Flyer für die Sport Factory an ausgewählten Kreuzungen und Shopping-Centern im Stadtteil verteilt. Die Jugendlichen wurden in Teams von zwei bis vier Personen eingeteilt. Jeweils einer in diesem Team agierte als Teamleiter, wobei diese Rolle täglich wechselte sowie auch – nach Möglichkeit – die Team-Zusammensetzung. Für die höhere finanzielle Entschädigung als Teamleiter haben die Jugendlichen sukzessive mehr Aufgaben und Verantwortung übernommen. Auch der Kunde hat sich im Laufe des Projektes stärker mit den Jugendlichen beschäftigt und seine Vorstellungen vom Arbeitsablauf an unsere Spielregeln und an die Umstände angepasst. Nach den ersten zwei Wochen zeigten sich verschiedene positive wie negative Effekte, die wiederum innerhalb des Prozesses positiv wirken konnten. Von den 17 angemeldeten Jugendlichen verloren vier schon vor dem ersten Einsatz das Interesse und kamen nie zum Einsatz. Von den 13 verbleibenden waren die 12 stets bereit für weitere Blitzjobs.

Blitzjob – positive Primär-Effekte

Die Jugendlichen haben einen großen Einfluss aufeinander. So wird zum Beispiel ein schüchterner oder demotivierter Jugendlicher durch einen zuverlässigen, ambitionierten Jugendlichen mitgezogen. Da sie meist nicht alleine arbeiten, haben sie mehr Freude an der Arbeit, lernen neue Menschen kennen. Es ergeben sich aber noch andere Effekte, die von den Jugendlichen mehr oder minder bewusst geschätzt werden. Die Kommunikation auf Augenhöhe, der regelmäßige Kontakt, Aktivierung von Eigeninitiative und der Stolz, wenn eigene innere Abneigungen überwunden und äußere Ergebnisse anerkannt werden.

Durch den dynamischen Serien-Blitzjob werden Jugendliche stärker eingebunden und müssen mehr selbst organisieren. Sie bekommen dadurch aber mehr Struktur und lernen besser, verbindlich zu sein. Da viele dann den Blitzjob beherrschen, können andere Jugendliche leicht durch die Jugendlichen selbst eingeführt und Teams können unterschiedlich zusammengestellt werden, vor allem wenn es darum geht, destruktive Freundesgruppen zu trennen. Dadurch, dass so ein Blitzjob schnell rotiert, können bessere Lerneffekte erzielt werden. Außerdem lernen sie mit steigendem Selbstbewusstsein die Blitzjobs realistischer und kritischer einzuschätzen. Die meisten geben sich viel Mühe, Kontakt zu den Coaches zu halten und haben Interesse an weiteren Aufgaben.

Blitzjob – negative Primär-Effekte mit positiven Sekundär-Effekten

Es besteht die Gefahr, dass die Jugendlichen versuchen, ihre eigenen Spielregeln einzuführen und zu kontrollieren. Bei Blitzjobs ist das insofern positiv, dass Deals mit Kunden immer hinsichtlich größtmöglicher Fairness passgenau gestaltet werden und somit auch oft optimiert bzw. neu konstruiert werden müssen. Dabei spielt das Feedback der Jugendlichen eine große Rolle. Sie sind selber nie Deal-Verhandler, aber erfahren eine besondere Anerkennung, wenn ihr Feedback zu geänderten Spielregeln führte.

Die konfigurierte Basisversion der CAM-Software war sehr nützlich. Fünf Studierende, die HU-Seminarleiterin, Mitarbeiter*innen und der Projektkoordinator konnten sich durch die Software als Team mit einem geringen Zeitaufwand austauschen sowie die Daten pflegen und verknüpfen.

Durch die Häufigkeit bei einer Blitzjob-Serie kann eine Routine entstehen, die die Jugendlichen nachlässig werden lässt. Der Blitzjob verliert seine Besonderheit. Der Jugendliche wird dann durch den Coach mit seiner Haltung konfrontiert und erst einmal nicht eingesetzt. Gegebenenfalls werden in Absprache mit dem Jugendlichen die Spielregeln verschärft, wobei sehr vorsichtig mit individuellen Spielregeln umgegangen werden muss. Ein Jugendlicher kann dann die negative Konsequenz seines Verhaltens überdenken und hat zeitnah die Möglichkeit, es anders zu machen. Dafür werden mit ihm neue Absprachen getroffen. Ein Blitzjobber wird nie vom Projekt ausgeschlossen.

Blitzjob – Mikro-Coaching

Als Mikro-Coaching werden im Blitzjob-Verfahren kleinere Coaching-Intervalle bezeichnet, die Handlungsabläufe in Echtzeit begleiten. Mikro-Coaching kann nur mündlich stattfinden, erfordert aber nicht unbedingt die Anwesenheit des Coaches, da er auch per Telefon mehrere Minuten lang den genauen Handlungsablauf mitbekommt. Kern des Mikro-Coachings ist der Dialog mit dem Blitzjobber hinsichtlich möglicher Lösungsansätze. Der Coach unterstützt und fordert den Jugendlichen durch Sprechen, Diskutieren und Assoziieren von Sekunde zu Sekunde und von Problem zu Problem heraus. Sinn dabei ist vor allem, die pauschalen Vorurteile über die Eigenart einer Aufgabe zu verringern, um den entdeckenden Sinnen und einer entsprechenden assoziativen Vielfalt und Konzentration maximalen Platz zu geben.

Blitzjob – Coaching durch verschiedene Kommunikationsformen

Blitzjob-Coaching findet vor Ort, per Telefon und per E-Mail statt. Etabliert sind die Kommunikationsformen vor Ort und Telefon. Der Coach trifft die Jugendlichen und sie melden sich zurück, wobei der Coach in der Mehrzahl der Fälle die Gespräche bezahlt, da ca. 70 % der Jugendlichen kein Geld auf ihrem Handy haben.

Am Anfang geht ein Coach mit den Jugendlichen zum Job mit und betreut sie. Später werden Auswertungen und weitere Absprachen hauptsächlich durch Fern-Coaching gemacht. Wegen hoher Telefonkosten und der Frage der Erreichbarkeit ist eine überwiegende Online-Kommunikation das Ziel. Nur maximal ein Drittel der Jugendlichen kann auf Anhieb zuverlässig mit E-Mails umgehen, weil sie es nicht gewohnt sind, das Internet so zu nutzen oder weil der mündliche Dialog bei viele Jugendlichen noch sehr wichtig ist. Um die angestrebten Effekte zu entfalten, braucht es eine intensive Steigerungskurve, bevor es ratsam ist, auf E-Mail umzusteigen.

Bei der zweiten Promotion-Blitzjob-Serie – wieder für zwei Wochen - für die Sport Factory wurden E-Mails als primäres Kommunikationsmittel eingeführt. In diesem E-Mail-Verfahren wurde gleich ein proaktives Rückmeldesystem eingeführt. Spielregel war, dass der jugendliche Teamleiter mit den Blitzjobbern in seiner Schicht den Einsatz und die Blitzjob-Voraussetzungen auswerten und an den Coach per E-Mail schicken sollte.

Bei Erfolg führt diese Maßnahme zu beträchtlichen Mehrwerten: Die Blitzjobber werden stets selbstständiger, beherrschen eine Kommunikationsform für Reflexion und die Coaches werden arbeitsmäßig entlastet. Einige Jugendliche haben sich daraufhin unaufgefordert eigene E-Mail-Adressen besorgt.

  • Anwesenheits-Coaching: Der Coach kann gut auf die Jugendlichen eingehen und unterstützend wirken. Allerdings nimmt er ihnen so den Raum sich selbst auszuprobieren und ihren eigenen Umgang mit dem Job zu finden.
  • Telefon-Coaching: Dieses Coaching ist zeitsparend, kostet dafür Geld. Der Coach ist für die Jugendlichen immer ansprechbar. Abläufe und Absprachen können so schnell koordiniert werden. Auswertungen können nicht so ausführlich vorgenommen werden wie bei E-Mail und nicht so emotional wie bei Anwesenheit.
  • E-Mail-Coaching: Erleichtert die Absprachen mit den Jugendlichen ungemein. Sie haben so auch die Möglichkeit, sich untereinander besser abzusprechen. Wenn sie die Auswertungen der Jobs schriftlich formulieren, müssen sie sich vorher damit auseinandersetzen.

Potenzial der Ansätze nach der 2. Phase (Herbst 2009)

Zielgruppe Gewerbe

Gemessen an den umfassenden Meinungsumfragen in der ersten Projektphase im Frühling 2009, der starken Vernetzung unter lokalen Trägern der Jugendarbeit und der positiven Bereitschaft unter Gewerbetreibenden, Blitzjobs in Auftrag geben zu wollen, bestehen nach Einschätzung des Stadtteil bewegt-Projektteams in Marzahn-Hellersdorf für ein Projekt dieser Art sehr gute Chancen. Allerdings ist gerade in der Aufbauphase dieses Projektes ein höherer Personalaufwand notwendig, um ein ausreichendes Volumen der professionellen face-to-face Akquise implementieren zu können. Wie es sich in Treptow-Köpenick gezeigt hat, kann man die Entwicklung durchaus als exponentiell bezeichnen bis zu einem Punkt, wo der Ansatz in den Lebens- und Arbeitswelten angenommen wird und jene kritische Anzahl Gewerbetreibender für das Projekt erreicht ist, die einen Selbstläufereffekt auslöst. Insofern ist das Blitzjob-Verfahren auch ein CSR-Verfahren (Corporate Social Responsibility), wobei Unternehmen nicht gesellschaftliche Exklusiv-Bündnisse schließen, sondern durch das Miteinander im Gemeinwesen eine alltagsbezogene Geben-und-Nehmen (win-win) Situation ermöglichen. Seitens der Unternehmen gibt es schließlich auch das Interesse, aufgestellte, zielbewußte und konzentrierte Jugendliche zu haben.

Zielgruppe Jugendliche

Durch die heterogene Mischung der Jugendlichen haben sie die Möglichkeit voneinander zu lernen und Vorurteile abzubauen. Um die Gruppe junger Mütter in das Projekt einzubinden müsste ein Volumen von Blitzjobs vorhanden sein, mit dem die zeitliche Unflexibilität der Mütter kompensiert werden kann.

Coaching

Das Zusammenspiel der drei Coaching-Varianten (vor Ort, Telefon, Email) ermöglicht einen guten Kontakt zu den Jugendlichen und erleichtert Koordination und Absprachen. Viele Jugendliche haben in kürzester Zeit eine positive Entwicklung genommen. Die gilt es in einem weiter ausgebauten Projekt aufzufangen und in die Übergangssysteme zu delegieren, ohne dass der Motivationsschub aus den sich immer steigernden Selbstverantwortungsprozessen in den Blitzjobs verpufft.

Systematische operative Vernetzung

Um einen Transfer von motivierten Blitzjobs in berufsrealistische Vorbereitungen hantieren zu können, müssen die Träger der Übergangssysteme eine viel engere Verzahnung in der operativen Handhabung der Jugendlichen erreichen, wobei stets den Jugendlichen die Möglichkeit zugesichert werden muss, die eigene Berufswegplanung als einen roten Faden zu erfahren.

 

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Stadtteil-Banner – Der künstlerische Prozess als Arbeitsstruktur

Stadtteil bewegt, 3. Phase, 2010, Blitzjobs als Instrument der Institutionen

Leitgedanke: "Kultur als Arbeitswelt – Wertschätzung und Vermarktung der schöpferischen Arbeit junger Menschen als Produkt im lokalen Wertschöpfungskreislauf".

Handlungsfeld: Implementierung der Blitzjobs in den institutionellen Raum innerhalb des Stadtteils durch Zuhilfenahme der Möglichkeiten, die sich durch die beiden vorangegangenen Phasen eröffnet haben: Zum einen die Feststellung, dass eine (mikro-)ökonomische Vereinbarung mehr Verbindlichkeit schafft als (sympathiebedürftige) Appelle, zum anderen, dass kulturelle Co-Produktion die Basis darstellt für gesellschaftliche Integration.

Fazit: In der Zusammenarbeit und der Nutzung des lokalen institutionellen Netzwerks entstand eine Zuspiel-Kultur, die den Jugendlichen innerhalb ihres Sozialraumes neue Ressourcen eröffnet hat. Für die teilnehmenden jungen Menschen war „Kunst“ bzw. kreative Aktivität nicht länger nur ein Hobby oder diskreditierende Nutzung des Sozialraums (Graffiti, „Zweckentfremdung“ öffentlicher Plätze und sozialer Räume wie Shopping-Center), sondern die Frage von Leistung und Lernen hinsichtlich der Co-Produktion sozialer Gemeinschaftsgüter (Stadtteilbanner, Stadtteilfest).

Partner: Die „Villa Pelikan“ (Zuspiel von Jugendlichen), das Stadtteilzentrum Kompass (Treffpunkt und Nutzung von Räumen und deren Facilitäten, Ausstattung Angebote wie Computer), das Jugendamt (Auftraggeber von Blitzjobs beim Stadtteilfest), das ORWO-Haus (Auftraggeber des Stadtteilbanners, Raumnutzung beim Bemalen des Banners), NoName Streetwork (Vernetzung, Multiplikation).


Ziele und Rahmenbedingungen

Unter der Zielstellung von Stadtteil bewegt - jungen Menschen Selbstbestimmung durch Selbstorganisation zu ermöglichen – versteht Caiju die Integration in die Arbeitswelt als einen entscheidenden Indikator und die affirmativen Mitgestaltung ihres Sozialraumes als einen weiteren wichtigen Indikator. Im Mittelpunkt der Ausgestaltung der Projekte der dritten Phase, Stadtteilbanner und Stadtteilfest, stand das Partizipationsprinzip, bei dem durch das Blitzjob-Verfahren den Jugendlichen das Bewusstsein vermittelt werden soll, dass sie sich als teilhabende Akteure ihrer Lebenswelt begreifen können und ihre Eigenverantwortlichkeit gegenüber ihrem Sozialraum eine Chance ist.

Die Prozessschritte zum Gelingen der 3. Phase:


Das „Deal-making“

Das „Deal-making“ setzt voraus, dass ein tragbarer Deal nur dann zustande kommt, wenn alle Beteiligten ihre Vorteile davon haben.

Stadtteilfest: Am 26. Juni 2010 fand auf dem Cecilienplatz in Kaulsdorf Nord das Stadtteilfest statt, bei dem das Jugendamt Marzahn-Hellersdorf mit dem Wunsch an die Coaches von Stadtteil bewegt herantrat, Jugendliche aus der Bezirksregion mit einer Vielzahl an Blitzjobs zu beauftragen. Von der Unterstützung beim Auf- und Abbau von Zelten und der Bühne bis zur Hilfe bei anderen organisatorischen Arbeiten, aber auch für den Einsatz als Ordnungskräfte und als Ansprechpartner für die Besucher des Stadtteilfestes wurden Blitzjobber gesucht.

  • Das Jugendamt muss sein knappes Haushaltsbudget nicht mit den Kosten durch professionelle Fremdfirmen belasten, sondern kann als Jugendförderung die praktische Aufgabenlösung beim Stadtteilfest auch direkt den Jugendlichen (in Form von Blitzjobs) übertragen.
  • Die Villa Pelikan findet für Jugendliche, die bereits seit längerem in den Jugendclub kommen, neue arbeitsweltliche Perspektiven.
  • Den Jugendlichen werden verantwortungsvolle Aufgaben übertragen und gleichzeitig nehmen sie aktiv und eigenverantwortlich an einem strukturierten interkulturellen Fest teil.
  • Die Besucher erfahren, dass auch Jugendliche glaubwürdige Autoritätspersonen sein können, wenn sie selbst bereit sind, die individuelle Art und Weise des noch ungelernten Jugendlichen bei der Erledigung seines Jobs anzuerkennen und zu respektieren.
  • Das Projekt Stadtteil bewegt konnte sich weiter vernetzen und die Planung, Durchführung und Auswertung einer neuen Blitzjob-Variante üben.

Stadtteil-Banner: Das Stadtteil bewegt Projektteam war bei seiner Recherche mit Vertretern des Musikhauses ORWOhaus e. V. in Kontakt gekommen, einem großen Plattenbau in Marzahn, in dem 200 Musikgruppen ihre Übungsräume haben. Das ORWOaus veranstaltet jedes Jahr ein internationales Festival. Im gemeinsamen Gespräch mit der Leitung des ORWO Hauses und den Streetworkern NoName aus Region 5 entstand deshalb die Idee, Kultur, Lebensweltorientierung, Arbeitswelt und Jugend miteinander zu verbinden.

  • Das ORWOhaus stellte Räumlichkeiten und Material für das Stadtteilbanner zur Verfügung und akzeptierte auch gern, dass das Endergebnis kein ‚professionell gestaltetes’ werden würde, dafür aber ein Kunstwerk mit dem besonderen Ausdruck jugendlicher Kreativität, um die lokale Verankerung ihres kulturellen Anliegens deutlich zu machen.
  • Das Stadtteilzentrum Kompass stellte Räume und Computernutzung zur Verfügung und konnte damit neue Zielgruppen an den Angeboten des Hauses beteiligen.
  • NoName Streetwork hatte im Projekt die Rolle des Vermittlers und Multiplikators und fand für seine Jugendlichen im Projekt selbst ein weiteres künstlerisches Betätigungsfeld als Ergänzung zur kürzlich errichteten Graffiti-Mauer neben Kompass.
  • Die Jugendlichen konnten ihre Kreativität vertiefen und dabei ihre Mobilität, ihr Durchhaltevermögen und ihr praktisches Denken trainieren.
  • Das Projekt Stadtteil bewegt konnte sowohl einen neuen Auftraggeber gewinnen als auch die Strukturierung und das Coaching eines kreativen Projekts üben.

Der künstlerische Prozess als Arbeitsstruktur

Die Aufgabe der Blitzjobber war es, im Rahmen des am 23. und 24. Juli 2010 stattfindenden Festivals ein Stadtteilbanner zu entwerfen und zu malen. Es sollte sich thematisch sowohl auf den Bezirk als auch auf das Festival und auf die Lebenswelt und Freizeitinteressen der Jugendlichen beziehen. Die Herausforderung bestand dabei vor allem darin, gemeinsam ein Banner in der Größe 7 x 4 Meter so zu gestalten, dass wenn es an die Außenfassade des Gebäudes gehängt würde, die „Message“ für alle vorbeifahrenden Autofahrer und vorbeigehenden Fußgänger klar erkennbar werde und sich das Banner thematisch und strukturell in die Umgebung einpassen würde, also keinen Fremdkörper darstellte.

Stadtteil-Banner – Die einzelne Module:

Modul 1, Ideen individuell sammeln und in der Gruppe präsentieren (1 Woche): Fotos, Internetrecherche, Eltern und Freunde befragen.

               

Modul 2, Komposition (2 Wochen): Ideen sortieren, weitere Entwürfe am Computer oder mit handgefertigten Skizzen erstellen (wobei alle Ideen berücksichtigt werden) und sich auf eine Komposition einigen.

           
                              


Modul 3, Vorbereitung des Banners (3 Tage): Plane grundieren und die Kompositionsskizze übertragen.

Modul 4, Malen (2 Wochen): Farben anpassen und entsprechend mischen, dann mit diversen Werkzeugen (Farbrollern, Schwämmen, Pinseln und Fingern) in der nötigen Schichtung auftragen.

          

Zuspiel-Kultur

Beispiel Stadtteilfest: Auf einer der regelmäßig stattfindenden Vernetzungsrunden der Bezirksregion entstand aus der Zusammenarbeit mit den Coaches von Stadtteil bewegt und den restlichen Mitgliedern der Vernetzungsrunde heraus die Idee, Jugendliche aus dem Jugendfreitzeitzentrum Villa Pelikan als Blitzjobber für das Stadtteilfest einzusetzen. Die Leiterin der orientalischen Bauchtanzgruppe der Villa Pelikan stellte den Kontakt zwischen den Coaches und den Jugendlichen her. Damit wurde der „Sprung“ in Blitzjobs für Jugendliche unabhängig von ihren Kommunikationsressourcen ermöglicht, denn viele von ihnen haben selten oder gar keinen Zugriff auf die für andere selbstverständlichen Kommunikationsformen wie Handys (kein Guthaben) oder Internet (keinen Zugang zu Hause bzw. keine praktische Erfahrung, sich über Email auszutauschen).

Kultur als Arbeitswelt

Das Blitzjob-Verfahren wird in diesen Projekten als bewegliches Instrument verstanden, durch das die Jugendlichen kulturelle Handlungen im Rahmen von Arbeitsprozessen üben und anwenden. Der Coach leitet die Blitzjobber so an, dass der Jugendliche seine bereits mitgebrachten Kompetenzen und seine vorhandene Kultursprache direkt nutzen kann. Das Arbeitsmedium hingegen, die arbeitsmäßigen Spielregeln, sind bewusst mit kleineren und größeren Herausforderungen gespickt, die zwangsläufig Schwierigkeiten und Krisen hervorrufen, die der Coach personenspezifisch und belastungsoptimierend "auffängt“.

Beispiel Stadtteil-Banner: Die Aktivitäten der Jugendlichen aus ihrer Jugendkultur werden aufgegriffen und mit neuen Hürden versehen. Beispielsweise die Graffitisprache. Der Malprozess ist so angelegt, dass es keine Spraydosen gibt, dafür aber eine Vielzahl an Werkzeugen (Pinsel in verschiedensten Größen, Roller, Spachtel) mit denen das Malen und Gestalten sowohl schneller als auch langsamer, im Vergleich zum Arbeiten mit der Spraydose, werden kann. Zunächst bestehen Scheu und „Berührungsängste“ gegenüber diesen (in der Graffitiszene) nicht genutzten Materialien, dann aber entwickelt sich eine neue physische Interaktion. Farben müssen „erarbeitet“ werden und auf der Fläche direkt bewegt werden. Es entstehen Zeitintervalle für thematische „Verhandlungen“, die nach vielen technischen Hürden wieder zurück zur Jugendkultur kommen: Die Blitzjobber werden per Alias benannt und sog. Tags und 3D Comic finden Einlass im Stil des Banners.

Arbeitswelt als Lebenswelt

Wenn Arbeitswelt für die Akteure auch als Lebenswelt gelten soll, muss aus ihr eine Kombination von besonderem Pragmatismus und Empathie werden. In den Projekten Stadtteilbanner und Stadtteilfest orientiert sich die Anleitung der Coaches am Kleinen, Unscheinbaren, am Alltäglichen und an Routine. Diese Komponenten zusammen stellen sicher, dass jeder Jugendliche eine für ihn optimale Belastung erfährt und dabei die ihm zugänglichen Kompetenzen für das gemeinsame Erreichen der Ziele entfalten kann.

Mobilität

Die Förderung praktischer Mobilitätskompetenz hat sich als eine zu erlernende Schlüsselqualifikation in der Caiju Coach-Erfahrung mit Blitzjobbern gezeigt. Jugendliche entwickeln eigene Systeme, um sich in ihrem Stadtteil zurechtzufinden. Sie orientieren sich typischerweise an Einkaufsmöglichkeiten, Imbissen oder bestimmten Treffpunkten, weniger an Straßennamen und den Kriterien der öffentlichen Transportsysteme. Nur selten bewegen sie sich in ihrer Freizeit außerhalb ihrer gewohnten Route im Stadtteil. Wenn es zu Entscheidungsfindungen in Bezug auf weiterführende Bildung, Praktika oder Ausbildungsplatz kommt, werden solche Muster oft übernommen und die Immobilität wird dann zur wesentlichen Ursache von Verweigerung.

Beispiel Stadtteil-Banner: Allein der Umstand, dass sich das ORWOhaus im südostlichen Marzahn befindet und Region 5 zentral in Hellersdorf, erwies sich als eine spürbare Hemmschwelle für die Jugendlichen und ihre Teilnahme am Projekt. Durch die Unterteilung des Projekts in kleinere Module, konnte eine stufenweise Annäherung zum „fremden Ort“ geschaffen werden. Nach einer kurzen Besichtigung des ORWOhauses als Einführung ins eigentliche Projekt bezog sich das erste Modul „Ideen sammeln“ ausschließlich auf die ganz persönlichen Lebenswelten. Das zweite Modul fand noch in Region 5 im Stadtteilzentrum Kompass statt und erst mit den Vorbereitungsarbeiten an der Plane verlagerte sich der Arbeitsort mit „vertrauten Themen“ zum Zielort des Projekts. In der Relativität von „fremd“ und „heimisch“ wurde so Kompass automatisch zu „einem Treffpunkt in unserer Lebenswelt“, wenngleich die jeweiligen Jugendlichen noch nie in der Einrichtung gewesen waren.

Zum Thema Abschluss

Das Projekt geriet vor der Festivaleröffnung mit der Herausforderung der 28 zu bemalenden Quadratmeter Banner unter großen Zeitdruck, schaffte aber die Deadline. Dann stellte sich bei der Organisation der Aufhängung plötzlich heraus, dass eine vor kurzem in Kraft getretene bautechnische Verordnung entgegen der bisherigen Praxis die Banneraufhängung aus brandschutztechnischen Gründen bis auf weiteres verbietet. Mit dem ORWOhaus wurde die Vereinbarung getroffen, dass der Banner im Folgejahr angebracht werden solle.

Einerseits war natürlich die Enttäuschung beim Coach-Team und den Jugendlichen groß. Andererseits: „The job was done“, ein gewisse Professionalität hatte sich etabliert, die Honorare waren verdient.

Das Werk lebt weiter, als Bild selbst und in den vielen Vorstufen, an den Orten, wo man es sich anschaut. Und: Die Jugendlichen haben Kunst wie Kultur als weiteres Potenzial für die Arbeitswelt verstanden.

 

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Filmstafette - Portrait Mensch, Leute machen Stadtteil

Stadtteil bewegt, 4. Phase, 2011, Blitzjobs als Instrument, um in einem künstlerisch-kreativen Arbeitsprozess Vernetzungen im Stadtteil aufzudecken

Leitgedanke: „Wie ist Leben und Arbeiten in Deinem Stadtteil vernetzt?“

Handlungsfeld: „Stadtteil-Stafette“. Jugendliche führen als Blitzjobs ausgestaltete Video-Interviews mit Privatpersonen und Gewerbetreibenden aus der Bezirksregion fünf durch. Die Interviewpartner der Jugendlichen spielen sich gegenseitig zu (zum Prinzip des Zuspiels siehe unten). So werden Vernetzungen von Lebenswelt und Arbeitswelt im Stadtbezirk unter Rückgriff auf das Medium Film aufgedeckt und dargestellt. Damit wird in unterschiedlichen Ebenen auf die drei vorangehenden Phasen zurückgegriffen. Beispielsweise wird das Blitzjob-Verfahren erneut als Instrument genutzt, um den Jugendlichen das Bewusstsein zu vermitteln, dass sie sich als teilhabende Akteure ihrer Lebenswelt begreifen können und ihre Eigenverantwortlichkeit gegenüber ihrem Sozialraum eine Chance ist. Ebenso wird durch den künstlerisch-explorativen Projektcharakter einmal mehr hervorgehoben, dass kulturelle Co-Produktion die Basis für gesellschaftliche Integration darstellt. Auch die bereits in Projektphase drei fokussierte Zuspiel-Kultur wird in Projektphase vier eine zentrale Bedeutung beigemessen, allerdings aus einer etwas anderen Perspektive.

Fazit: Durch das Zuspiel von Privatpersonen an Unternehmer/innen, Gründern/innen, Selbständige und vice versa haben die Jugendlichen in Projektphase vier die Netzwerke zwischen Gewerbetreibenden und Privatpersonen in der Bezirksregion fünf aufgedeckt. Das als Dokumentationsmedium gewählte „Video-Interview“ ermöglichte den Jugendlichen nicht nur eine Erfahrung, sondern auch eine Verbildlichung dieser Netzwerke. Durch die Möglichkeit in den Interviews detaillierte Fragen zum Leben und Arbeiten im Stadtbezirk sowie zum Zusammenspiel beider Bereiche zu stellen, konnten die Jugendlichen das Bild der Vernetzung bis zu einem gewissen Grade feinzeichnen.

Partner: Die „Villa Pelikan“ mit Zuspiel von Jugendlichen und Räumlichkeiten.


Hier klicken für Filmansicht an kleinere Geräte

Wer macht was und wer kennt wen? Wo trifft Leben auf Arbeit und Arbeit auf Leben? Wie sehen Hellersdorfer ihren Stadtteil eigentlich selbst? Diese und andere Fragen werden in dem Film behandelt und die Zuschauer dürfen sich auf interessante und zum Teil auch erstaunliche Antworten freuen.

Ein Film von den Blitzjobbern Chriss, Necco und Ritchi. Weitere Mitwirkende: Lady N., Tine und Jenso. Projektleitung: Urs Schrade, Caiju e.V. Mit freundlicher Unterstützung des Jugendamtes Marzahn-Hellersdorf. Besonderen Dank an Chris Buß, Chris McCallum und die teilnehmenden Bürger*innen aus Hellersdorf.

Ziele und Rahmenbedingungen

Im Mittelpunkt der vierten Phase stand die Produktion einer „Video-Stadtteil-Stafette“. Ziel war es, dass Jugendliche aus der Bezirksregion fünf mit der Filmstafette die Vernetzungen zwischen Lebenswelt und Arbeitswelt in ihrem Bezirk erfahren und darstellen. Nachfolgend werden die Prozessschritte in der Produktion der Filmstafette beschrieben.

Wer kennt wen und wer macht was? Wer kennt Sie und wen kennen Sie? Kennen Sie persönlich Unternehmer, Selbständige und Gründer im Stadtteil? Mit diesen und anderen Fragen zum Leben und Arbeiten im Stadtteil sind Jugendliche aus der Bezirksregion fünf im ersten Prozessschritt des Projekts an Bewohner der Bezirksregion fünf herangetreten. Der in Form von Blitzjobs ausgestaltete Auftrag der Jugendlichen war, die Antworten auf oben formulierte Fragen in Video-Interviews festzuhalten. Darüber hinaus sollten die Jugendlichen bei positiver Antwort auf die Frage „Kennen Sie persönlich Unternehmer, Selbständige und Gründer im Stadtteil?“ erfragen, um wen es sich handelt und ob die Möglichkeit bestehe, einen Kontakt herzustellen. Bei erfolgreicher Kontaktherstellung haben die Jugendlichen im zweiten Prozessschritt den/die genannte/n Unternehmer/in, Gründer/in, Selbstständige/n aufgesucht. Ihr Auftrag (Blitzjob) war, ein Video-Interview mit der/dem jeweiligen Unternehmern/in, Gründern/in, Selbstständigen durchzuführen.

Im Mittelpunkt standen Fragen zur Gründungsgeschichte, Standortwahl und Rückbindung an den Stadtteil. Mit Blick auf die letzte Frage wurde vor allem auf die „nicht-professionelle“ Beziehung zu Nachbarn bzw. Bewohnern des Stadtteils fokussiert. Ziel war es, von den Unternehmern/innen, Gründern/innen, Selbstständigen an einen „privaten“ Folgekontakt im Stadtteil weitervermittelt zu werden. Bei erfolgreicher Vermittlung haben die Jugendlichen im dritten Prozessschritt den „privaten“ Folgekontakt zum Video-Interview aufgesucht. Ihr Auftrag (Blitzjob) entsprach dem Auftrag aus Prozessschritt eins.

Im theoretischen Rahmen war so potenziell die Möglichkeit einer „Endlosschleife“ gegeben, in der die Jugendlichen abwechselnd Privatpersonen und Unternehmern/innen, Gründern/innen, Selbstständige der Bezirksregion fünf zu ihrer Verzahnung interviewten.

Prozessschritte zur Umsetzung der Filmstafette

1. SCHRITT
Video-Interviews mit Bewohnern der Bezirksregion fünf. Fragen zu ihrem Leben und Arbeiten im Stadtteil und ob sie Unternehmer, Gründer oder Selbständige kennen und Kontakt herstellen können. Wenn ja ...

2. SCHRITT
Interview mit dem genannten Gewerbetreibenden. Fragen zur Gründungsgeschichte und Rückbindung an den Stadtteil. Außerdem Frage nach „nicht-professionellen“ Beziehungen zu Bewohnern des Stadtteils und ob ein privater Folgekontakt vermittelt werden kann. Wenn ja 

3. SCHRITT
Interview mit dem genannten privaten Folgekontakt. Entsprechend zum Vorgehen in Prozessschritt eins ist das Ziel, wieder einen Unternehmerkontakt zu bekommen. So wird theoretisch eine „Endlosschleife“ an Interviews zwischen Privatpersonen und Unternehmern aus der Bezirksregion fünf ermöglicht.

Filmstafette

Kick-Off: Erstinterviews mit Bewohnern des Stadtbezirks

Kennen Sie persönlich Unternehmer, Selbständige und Gründer im Stadtteil?

Um die Video-Stafette ins Rollen zu bringen, mussten entsprechend Prozessschritt eins zunächst Interviews mit Privatpersonen aus der Bezirksregion fünf geführt werden. Da Interviews im Vorfeld nicht abgesprochen waren, musste der Erstkontakt mit Interviewpartnern im öffentlichen Raum erfolgen. Es stellte sich somit die Ausgangsfrage, wie und wo am besten Leute zum Interview bewogen werden können. Besonders vielversprechend schienen öffentliche Räume und Veranstaltungen, bei denen sich eine Großzahl von Stadtbezirksbewohnern zusammenfinden. Die erste Interviewrunde wurde daher für das Stadtteilfest Kaulsdorf Nord am 25.06.2011 beschlossen. Aus Perspektive der Gesamtzahl geführter Interviews verlief die erste Interviewrunde sehr erfolgreich:

  • Insgesamt sechs Jugendliche filmten und dokumentierten über 5 Stunden 16 Interviews mit Anwohnern aus der Bezirksregion fünf. 
  • Die Jugendlichen fanden guten Zugang zu den Interviewpartnern und bekamen sehr positives Feedback für das Projekt, was der Motivation enorm zuträglich war. 

Allerdings offenbarte sich ein strukturelles Problem, dass im gesamten weiteren Projektverlauf zur Herausforderung werden sollte:

  • Die Befragten kannten vergleichsweise wenig Gewerbetreibende in ihrem Stadtbezirk. Nahezu 50% der Befragten konnten nicht zu einem Gewerbetreibenden Folgekontakt vermitteln. 

Daher wurde der Entschluss gefasst, eine zweite Runde mit Erstinterviews durchzuführen. Als Interview-Location wurde ein Einkaufszentrum gewählt. Im Vordergrund stand die Überlegung, dass in einem Einkaufszentrum auf vergleichsweise engem Raum eine Großzahl an Stadtteilbewohnern zusammentreffen. Im Vergleich zur ersten Interview-Runde war diese zweite Interview-Runde als absoluter Misserfolg einzustufen:

  • Von insgesamt 20 angesprochenen Personen war niemand bereit ein Interview zu geben. Einige Leute drohten den jugendlichen Interviewern sogar mit Gewalt. 

Trotz dieser Enttäuschung beschlossen die Jugendlichen eine weitere Runde Erstinterviews durchzuführen. Um nicht wieder eine Enttäuschung zu erleben, wurde das Fiasko im Einkaufszentrum von den Jugendlichen aufgearbeitet und gegen den Erfolg beim Stadtteilfest abgeglichen. Das Ergebnis des Reflexionsprozesses war die Erkenntnis, dass Leute offensichtlich eher bereit und offen für Interviews sind, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Zu diesen zählen primär ein geringer Stressfaktor und eine angenehme Beschäftigung - was beim schnellen Einkauf nach der Arbeit anscheinend nicht gegeben ist, beim Bummel über das Stadtteilfest hingegen schon. Die nächste Runde Erstinterviews musste somit an einen Platz verlegt werden, an dem sich die Leute gerne und mit der nötigen Ruhe aufhalten. Vor diesem Hintergrund fiel die Wahl auf einen gemischten Breitensport-Volleyball-Verein, der beim wöchentlichen Training aufgesucht wurde. Die Wahl erwies sich als gut:

  • In etwas mehr als einer Stunde konnten die Jugendlichen 6 Interviews durchführen. 
  • Vier der sechs Befragten konnten eine/n Unternehmer/in als Folgekontakt nennen.

Folgeinterviews mit Unternehmen

Kennen Sie auch Privatpersonen im Stadtbezirk?

Mit zwölf Kontakten von Gewerbetreibenden wurde dann zum zweiten Prozessschritt übergegangen. Hier zeigte sich aber von Beginn an eine erhebliche Hürde, die es zu meistern galt:

  • Die Bereitschaft der Gewerbetreibenden mit den Jugendlichen zu sprechen war auffallend gering. Von insgesamt zwölf Gewerbetreibenden haben nur drei Unternehmer einem Interview zugestimmt. Oftmals wurde Zeitmangel als Grund angegeben, sich nicht von den Jugendlichen interviewen lassen zu können. Darüber hinaus wurde klar ersichtlich, dass ein Großteil der Gewerbetreibenden Angst hat, Bild- und Tonmaterial, das potenziell vervielfältigt werden könnte, in fremde Hände zu geben. 

Ob der geringen Anzahl an Gewerbetreibenden, die zum Video-Interview bereit waren, wurde der Entschluss gefasst, diese besonders akkurat vorzubereiten und durchzuführen. Entsprechend wurden die geführten Interviews ein voller Erfolg. Dieser zeigte sich vor allem in sehr ausführlichen Antworten der interviewten Gewerbetreibenden zu ihrem Schaffen und Leben im Stadtteil. Zu den wichtigsten Erkenntnissen aus den Interviews gehören, dass

  • die Interviewten offensichtlich eine erhebliche Rück- und Einbindung in den Stadtbezirk anstreben und erfahren. 
  • die Interviewten dem Stadtbezirk aber durchaus kritisch gegenüberstehen, vor allem was die Unternehmerperspektive betrifft. 
  • die Interviewten durchaus private Kontakte im Stadtbezirk pflegen, die sie auch gerne weitervermittelten. So konnten zwei der drei Befragten persönlich zu einem Folgeinterview mit einer Privatperson verhelfen. 

Folgeinterviews mit Privatpersonen

Kennen Sie persönlich Unternehmer, Selbständige und Gründer im Stadtteil?

An der dritten Station der Stafette angekommen, ging es zurück zu Privatpersonen – diesmal aber nicht im Erstkontakt, sondern durch die Unternehmer vermittelt. Der Zugang zu den Interviewpartnern war für die Jugendlichen damit ungleich leichter. Ebenso war das Durchführen der Interviews bereits geübt, da mehr oder weniger dieselben Fragen gestellt wurden wie bei den Erstinterviews. Auch hier war letztendlich das Ziel, einen Unternehmerkontakt zu erfragen, um die Stafette weiterzuspielen. Analog zu den Erfahrungen aus den Erstinterviews musste auch hier die Erfahrung gemacht werden, dass Gewerbetreibende bei den interviewten Privatpersonen vergleichsweise unbekannt sind. So fand die Stafette in der dritten Runde ihr vorläufiges Ende, da die Befragten keinen Kontakt zu einem weiteren Unternehmen herstellen konnten.

Das Ergebnis: Ein Film über Leben und Arbeiten in der Bezirksregion fünf

Nach Abschluss des letzten Interviews wurden die einzelnen Interviews zu einem Film zusammengeschnitten, der unter dem Titel Portrait Mensch – Leute machen Stadtteil  am 13. Dezember in der Villa Pelikan gezeigt wurde. Der Film fasst die wichtigsten Aussagen der Befragten zusammen. Er deckt das Zuspielen von Privatpersonen an Gewerbetreibende und umgekehrt auf. Damit wird die Vernetzung zwischen Arbeitswelt und Lebenswelt im Stadtbezirk herausgehoben. Die Jugendlichen, die sich am Projekt beteiligt haben, treten im Film immer wieder in Sprecherrollen in Erscheinung. Dadurch wurde ihnen die Möglichkeit gegeben, ihre eigenen Erfahrungen im Entstehungsprozess der Stadtteilstafette zu dokumentieren. Auffällig ist, wie präzise sie die Probleme und Schwierigkeiten der Stadtteilstafette herausarbeiten. Besonders betont werden dabei:

  • Die Schwierigkeit Erstinterviews durchzuführen, wenn Kontextvariablen nicht stimmen. 
  • Die Tatsache, dass Privatpersonen kaum Gewerbetreibende kennen. 
  • Der Unwille von Gewerbetreibenden, Interviews zu geben. 

Unabhängig vom Element der Vernetzung von Arbeitswelt und Lebenswelt brachte der Film eine Reihe weiterer Erkenntnisse zum Lebensalltag in der Bezirksregion fünf ans Licht. Auch hier ist bemerkenswert, wie sensibel und präzise die Jugendlichen diese für den Film filtern und benennen. Die wichtigsten Erkenntnisse für die Jugendlichen sind:

  • Trotz des schlechten Images des Stadtbezirks wohnen die Befragten sehr gerne in der Bezirksregion fünf. Betont wird vor allem der grüne Charakter des Stadtbezirks und seine ruhige Lage. 
  • Die Befragten engagieren sich in den unterschiedlichsten Bereichen ehrenamtlich und sozial. 
  • Die Befragten gehen einer ganzen Bandbreite an unterschiedlichen und interessanten Berufen nach. 
  • Auch Zugezogene fühlen sich nach einer gewissen Zeit im Stadtbezirk heimisch.