Blitzjobs - ein Format für §16h SGB II

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Blitzjobs - ein Format für §16h SGB II

Aktuelle Herausforderungen im Jobcenter, Umsetzung des §16h (SGB II): Potentiale des lokalen Arbeitsmarktes für Aktivierung und Orientierung von U25 erschließen und nutzen.

Ein Vortrag von Caiju Gründer Per Traasdahl im Auftrag des "Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V." für eine bundesweite Tagung für Jobcenter-Leitungskräfte am 8. Nov. 2016 in Berlin.

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Vortrag als Video (22:22 Min.)

 

Das sagen die Blitzjobber Paté und Peo

Die Perspektive der Hilfsinstanzen

Blitzjobber sind Jugendliche ab 13 bis 25 Jahre, im Einzelfall noch älter. Die große Altersspanne ist ein Vorteil bei der passgenauen Besetzung, und ermöglicht Peer-Coaching.

Ca. 1/3 der Blitzjobber können wir als schwer erreichbare junge Menschen bezeichnen, die von den Angeboten der Sozialleistungssysteme, zumindest zeitweise, nicht erreicht werden. Unter ihnen Lucy, unsere Protagonistin für heute.

Der neue §16h (SGB II) soll die individuelle Bedarfslage schwer erreichbarer junger Menschen stärker berücksichtigen. Wir können unser Ziel in der Arbeit mit Lucy als „soziale Gesundheit“ bezeichnen. Um sozial gesund zu sein, muss bei Lucy ein gewisses Maß an Selbstorganisation vorhanden sein. Ansonsten wäre sie komplett fremdbestimmt. Selbstorganisation setzt voraus, dass Lucy etwas tut, irgendwas produziert. Um etwas tun zu können, muss sie an einem Ort platziert sein, wo dies möglich ist. Um an diesem Ort zugelassen zu werden, muss Lucy sich dafür qualifizieren. Um sich qualifizieren zu können, muss sie darüber informiert sein, um was sich diese Qualifizierung dreht. Um informiert zu werden, muss Lucy die Motivation haben, sich informieren zu lassen. Motiviert zu werden, setzt voraus, dass Lucy so sozialisiert ist, dass sie die Vorteile dabei erkennt. Diese Sozialisierung erfahren zu haben, setzt voraus, dass Lucy bereits integriert ist. Um integriert zu werden, muss Lucy ausreichend gebildet sein, um zu wissen wie sie sich integriert.

Wir sehen hier, mit welch feingliedriger Systematik die Hilfsinstanzen ihre Perspektiven aufeinander abgestimmt haben.

Die Perspektive der Zielgruppe

Wenn wir jetzt die Perspektive wechseln und uns fragen wie es für die Zielgruppe aussieht, entsteht ein anderes Bild.

Die systematische Abstimmung unter den Hilfsinstanzen wird schnell unüberschaubar und Lucy fühlt sich vor allem umzingelt von Hinweisen zu all dem, was sie nicht kann. All dem was sie noch erreichen muss, um „funktionstüchtig“ zu sein.

Die „Vollbeschäftigung“ der Zielgruppe

In der Arena zwischen Hilfsinstanzen und dem Arbeitsmarkt hat Lucy den Kopf nicht frei. Sie ist gefühlt vollbeschäftigt mit ihren Problemen. Nach dem Schulabgang folgte in der Vorbereitung auf die Vorbereitung die Qualifikation für die Qualifikation, während Lucy hüpfend zwischen den Hilfsinstanzen in unüberschaubarer Abhängigkeit und Fremdbestimmung hängen blieb. Bis sie sehr schwer erreichbar wurde.

Was können wir jetzt tun? Was kann Lucy tun?

Praxis-Clearing

Lasst uns die mögliche Flexibilisierung von Laufzeiten und Zielsetzungen von Maßnahmen nach §16h dazu nutzen, die Perspektive von Lucy einzunehmen.

Auch für schwer erreichbare Jugendliche gibt es Menschen um sie herum, Familie und/oder Bekannte, Multiplikatoren, engagierte Menschen vor Ort.

Es gibt Peers, andere junge Menschen, die auch noch nicht ihren Weg gefunden haben und es gibt einen lokalen Arbeitsmarkt mit Hilfsbedarf.

Blitzjobs in über 20 Tätigkeitsfeldern

Blitzjobs können in über 20 Tätigkeitsfeldern stattfinden. Die Einsätze finden im Rahmen des Ehrenamts in gewerblichen, gemeinnützigen und privaten Bereichen statt.

Sozialraumorientierung, Brennpunkte, Mobilität

Das Blitzjobverfahren verfolgt einen sozialraumorientierten Ansatz.

Nach den ersten Versuchen in Schöneweide im Bezirk Treptow-Köpenick ab 2008 folgten Modellprojekte in weiteren Bezirken ab 2010. So wurde es möglich, junge Menschen, vorwiegend aus Brennpunkten, in Einsatzstellen in einem Großteil von Berlin zu vermitteln.

Zwischen 2010 und 2016 wurden über 3.800 Blitzjobs für 450 junge Menschen bei 200 Auftraggebern durchgeführt. Die Hälfte der Einsatzstellen waren Privatleute, ca. 30% waren Ämter oder gemeinnützige Träger, ein Fünftel Künstler & Unternehmen. Die Modellprojekte wurden vorwiegend aus Mitteln des Landes Berlin und des ESF finanziert. Zu den Kooperationspartnern zählen Bezirkliche Bündnisse für Wirtschaft und Arbeit, Wirtschaftskreise, Wohnungsbaugesellschaften und die Handwerkskammer Berlin.

Praxis-Clearing – „Meine 100%“

Jetzt zurück zu Lucy. Wir lernen sie kennen, spontan im öffentlichen Raum bei unserer aufsuchenden Arbeit, durch Vermittlung von Fachleuten und Multiplikatoren oder durch sonstige „Mundpropaganda“. Ihr steht eine kostenlose Telefonnummer zur Verfügung.

Lucy möchte Blitzjobs machen. Vielleicht auch nur um damit ein paar Euro extra zu haben. Beim ersten Planungsgespräch wollen wir von ihr wissen, wo sie gerade steht. Da wir uns nur kurz kennen, soll sie möglichst wenige persönliche Informationen preisgeben müssen. Und wir wollen eben nicht, dass das anfängliche Kennenlernen überschattet wird von Problemorientierung. Für die schwer erreichbare Lucy geht es nicht nur darum, schlechte Gefühle zu vermeiden, sondern sie ist bedroht, Flashbacks von früherem Scheitern zu bekommen und aus Selbstschutz den Kontakt abzubrechen.

Deshalb nutzen wir das Verfahren „Meine 100%“. Hierbei wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass wir alle stets 100% zu tun haben. Ein Tag und eine Nacht haben für alle Menschen 24 Stunden.

Unterstützt durch einen Coach teilt Lucy ihre 100% ein. Sie muss lediglich kennzeichnen, welche Bereiche welchen Anteil einnehmen, und nicht begründen, weshalb beispielsweise gesundheitliche Fragen 25% einnehmen. Solche persönlichen Informationen können kommen, wenn Lucy bereit ist, darüber zu sprechen.

Lucy hat vor, Blitzjobs zu übernehmen. Sie stellt jetzt eine Prognose auf wo sie bestehende Bereiche mindert, um Platz zu schaffen für die 15%, die sie für die Blitzjob-Einsätze meint einsetzen zu können.

Mit „Meine 100%“ bekommt Lucy ein transparentes und nicht sehr kompliziertes Tool für ihr Selbstmanagement.

Praxis-Clearing – Realität & Qualität

Jetzt kann es mit Blitzjobs beginnen.

Im Coach-Team orientieren wir uns am lokalen Arbeitsmarkt, an Multiplikatoren, an Peers und ggf. an Familie und Bekannten.

Lucys problematische Vergangenheit lassen wir vorübergehend in den Hintergrund treten, während wir einen ersten Blitzjob an einem bestimmten Tag planen, durchführen und auswerten.

Danach folgt ein zweiter, dritter, vierter, fünfter Blitzjob usw. Oft verschiedene Aufgaben, immer passgenau vorher abgestimmt und abgefragt in kleinen überschaubaren Intervallen. Lucy erfährt so ihre Nützlichkeit in verschiedenen Milieus. Sie erprobt Mobilität und Selbstmanagement, lernt zu „networken“ und steht im Rahmen des Blitzjobs auf eigenen Beinen. Diese exemplarische Ermöglichung gesellschaftlicher Teilhabe in der Rolle als Verantwortungs- und Entscheidungsträger ist ein zentraler Baustein in der Entwicklung von Motivation für ein selbstbestimmtes Leben.

Statt Lucy als Problemfall zu behandeln, wird sie zur Lösungsträgerin.

Die Wertschätzung, die sie erfährt wird durch eine Aufwandsentschädigung unter Beweis gestellt. In den obligatorischen Auswertungen nach jedem Blitzjob lernt sie fair einzuschätzen, ob sie vom Auftraggeber gut angeleitet und respektvoll behandelt wurde. Nebenbei kann sie bei den Einsätzen zwanglose Gespräche mit Menschen führen, die nicht durch das Wissen um ihre Problemlage beeinflusst sind. Die Auftraggeber unterstützen die Spielregel, weder Kontaktdaten noch die wahre Identität des Blitzjobbers kennen zu dürfen.

Die aktive Lucy steuert mit den Blitzjobs der problematisierten Lucy eine neue Erfahrungsvielfalt bei. In Bezug auf Hirn-, Gedächtnis-, und Motivationsforschung formen die Arbeitseinsätze zusammen mit den Auswertungen und Reflexionsgesprächen Fixpunkte für die eigene Orientierung. Wir nennen es „Gedächtnisperlen“.

Wenn Lucy stolz von ihren Arbeitseinsätzen berichtet, bei den Multiplikatoren, bei den Beratungsstellen, bei ihren Peers und vielleicht auch bei Familie und Bekannten, geht es um die Realität und die Qualität der Erlebnisse und nicht um Dauer, Regelmäßigkeit oder berufliche Kriterien. Das kann alles noch kommen. Dies soll allerdings nicht zu früh sein, nicht bevor Lucy dazu bereit ist.

Ziel der Blitzjobs ist, dass Lucy ihre Situation und Vergangenheit soweit aushalten kann, dass sie die Kraft und Motivation für die Verarbeitung und Einmündung in Hilfs- und Bildungsangebote findet.

Rechtssicherheit & Spielregeln

Die Beteiligung von Akteuren des lokalen Arbeitsmarktes in der psychosozialen Aktivierungs- und Orientierungsarbeit hat sich nur deshalb als erfolgreich bewährt, weil ein rechtssicheres und für die Auftraggeber unkompliziertes System mit festen Betreuungsstandards und eine Reihe von „Spielregeln“ etabliert worden ist.

Es geht um inklusive Settings, die weder zu Unter- noch Überforderung der Beteiligten führen.

Software – Matching mit Überblick

Präzises Arbeiten und passgenaues Matching in Netzwerken mit hunderten von Teilnehmern ist nur mit Hilfe von Softwareunterstützung möglich. In der eigens für das Blitzjob-Verfahren entwickelten Software werden alle Prozesse dokumentiert. Ein Beispiel der besonderen Features ist die Farbleisten-Ansicht. Hier können die Coaches Anzahl und Ergebnis der Einsätze von einem Dutzend Blitzjobber auf einen Blick vergleichen. Von insgesamt 21 Kategorien beginnend mit „unkontaktiert“, „Nicht erreicht“, „Keine Zeit“, „Kein Interesse“, „nicht imstande“, „darf nicht“ sind nur sechs Kategorien für ausgeführte Blitzjobs. So werden auch die vielfältigen Gründe für das nicht gelingen als integraler Bestandteil der Prozesse systematisch antizipiert.

TeenKom-Zeugnis

Ab 10 durchgeführte Blitzjobs können die jungen Menschen ein Zeugnis bekommen. Hier werden Fremd- und Selbsteinschätzungen festgehalten und alle Tätigkeitsbereiche, in denen sie aktiv waren. Auf der Rückseite wird die Selbsteinschätzung des Blitzjobbers zu Kernkompetenzen im Rahmen eines Reflexionsgesprächs festgehalten.

…der private Auftraggeber sagt:
…der Blitzjobber sagt:
…die Blitzjobberin sagt:
…die Multiplikatorin sagt:
Fallbeispiel-19-jaehriger-Blitzjobber-Comi
…die Leiterin Jugendberatungshaus sagt:
…der Unternehmer in Berlin Adlershof sagt:
Coach-Team-und-Blitzjobber-beim-Tag-des-Handwerks

…die Auftraggeber sagen:

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